Kampfkulturen in Südamerika

Das Magazin der Universität des Saarlandes Campus (Ausgabe 3) veröffentlichte im Juli 2004 einen Artikel mit der Überschrift „Karate in Altperu“. Unter gleicher Titelzeile schrieb der Informationsdienst Wissenschaft (www.idw-online.de) im August 2004 einen Bericht. Das GEO-Magazin überschrieb im Oktober 2004 einen Artikel mit „Taekwondo in Peru“. Was war geschehen?

Dr. Agustin Segui, Leiter der Spanischen Abteilung am Institut für angewandte Sprachwissenschaft der Universität des Saarlandes, fand heraus, dass Südamerikas Ureinwohner seinerzeit Kampftechniken einsetzten, wie sie bisher nur aus Ostasien bekannt waren.

Für seine These hat Dr. Segui zahlreiche Darstellungen zusammengetragen, die in den Südamerikawissenschaften zwar lange Zeit bekannt sind, jedoch aber noch nie auf Kampfkunsttechniken betrachtet und dementsprechend interpretiert wurden. So zeigt beispielsweise ein im Besitz des Staatlichen Museums zu Berlin befindlicher Tonkelch aus der vorinkaischen Mochica-Kultur einen Fußtritt zum Kinn des Gegners (vgl. auch Kutscher 1954). Faustabbildungen aus Kutschers (1950) „Chimú. Eine altindianische Hochkultur“ weisen zudem eine interessante Ähnlichkeit zu Karate-Fausttechniken, wie die sog. Einfingerfaust Nakadaka-Ken und Ippon-Ken auf (vgl. Okazaki/Stricevic 1998:108).

Seguis Entdeckung ist für die frühzeitliche Siedlungsgeschichte des Menschen sowie die Kampfkulturforschung ein sehr interessanter und äußerst wichtiger Beitrag. Auf den ersten Blick scheinen diese Fundstücke ein erstmaliger Beleg für ein Kampfssystem im präkolumbischen Südamerika zu sein. Seine Thesen zur hiesigen Verwendung von (systematisierten) Kampftechniken stellen allerdings jedoch keine neuerliche Entdeckung dar.

Der Kampf ist unmittelbar mit der Entwicklung des Homo sapiens verbunden. Bereits bei verschiedenen Ästen der Gattung Mensch, sei es der affenähnliche Homo habilis oder der aufrechtgehende Homo erectus, hat es immer eine Art der physischen Auseinandersetzung gegeben.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich auch in südamerikanischen Kulturen Arten des Kampfes finden. Einerseits gibt es unzweifelhaft indigene Besonderheiten innerhalb verschiedener Kampfsysteme. Auf der anderen Seite existieren unmittelbare interregionale Verbindungen zwischen systematisierten Formen der physischen Auseinandersetzung, wie beispielsweise Kleinfeld/Duffner (1984) sowie Iyi (1985) eindrucksvoll zeigen.

Ob sich nun derartige Kampftechniken unabhängig von anderen Methoden entwickelt haben oder aber mit den Menschen ihren Weg nach Südamerika fanden, bliebe zu untersuchen. In erster Linie müsste man nach weiteren Spuren auf den Einwanderungsrouten der Menschen suchen.

Ein Blick in die entsprechende Sekundärliteratur zeigt, dass sich auch in anderen Regionen Südamerikas indigene Kampfsysteme finden. Neben der von Segui betrachteten alt-peruanischen Mochica-Kultur betreiben brasilianische Urvölker ebenfalls eine systematisierte Form des Kampfes. Im amazonischen Regenwald besuchte der unter dem Pseudonym John F. Gilbey schreibende Kampfkunstforscher und Autor Robert W. Smith in den 1960er Jahren den südamerikanischen Chavante-Stamm. Das im westlichen Bergland, zur Sprachfamilie der Gês-Stämme gehörende Jägervolk praktiziert eine einzigartige Form des Ringkampfes. “Panmo“ wird im Stehen ausgeübt, hat nahezu keine Regeln und einen abgegrenzten Kampfplatz gibt es nicht. Ziel ist es durch Wurf-, Schlag- und Tritttechniken den Gegner zum Boden zu bringen. Verletzungen sind häufig. Laut Gilbey (1974) kämpfen die Panmo-Kämpfer brutal und sind äußerst gut trainiert.

In Ergänzung dazu führen Van Mele/Renson (1996:98) in ihrer Typologie traditioneller Sportformen in Südamerika Box- und Ringarten für den Karibischen Raum, Amazonien, Ost-Brasilien, Pampas Patagonia Tierra del Fuego und die Andenregion auf.

Diese zwei Beispiele sollen zeigen, dass Kampfformen und -systeme auch für das historische Südamerika nichts besonderes sind. Im Gegensatz zur ostasiatischen Region sind diese jedoch leider zu wenig erforscht. Eine direkte Verbindung zum Karate oder Taekwondo zu zeigen, wie in den Überschriften der o.g. Publikationen geschehen, wäre fehlerhaft und ist absolut unzulässig, da es sich hierbei um regional gewachsene okinawanisch-japanische bzw. koreanische Systeme handelt. Es wäre jedoch zu wünschen, dass die Arbeit von Dr. Segui weitere Forschungsbemühungen in Gang setzen würde, um auch den in dieser Hinsicht noch ziemlich weißen Fleck auf der Weltkarte der Kampfkulturen auszufüllen.

Thomas Feldmann

Über den Autor:
Thomas Feldmann (Jg. 1976), Diplom-Regionalwissenschaftler, Studium der Ostasienwissenschaften und Japanisch in Duisburg und Soka (Japan), Karate seit 1991.

Quellen:

  • Gilbey, John F. (1974) [1963]: The Chavante Armlock, in: Secret Fighting Arts of the World. London, Sydney: Pan Books Ltd., S.88-93
  • GEO-Magazin (2004): Taekwondo in Peru, in GEO-Magazin 10/2004Iyi, Kilinidi (1985): African Roots in Asian Martial Arts, Journal of African Civilizations, 7:1, 198ff
  • Kutscher, Gerdt (1983) [1954]: Nordperuanische Keramik. München: Verlag C. H. Beck
  • Kutscher, Gerdt (1950): Chimú. Eine altindianische Hochkultur. Berlin: Gebr. Mann
  • Mele, Veerle Van / Roland Renson (1996): Traditional Games in South America and Their Geographical Distribution, in: Pfister, Gertrud et al. (Hg.): Spiele im Spannungsfeld von Tradition und Moderne. Berlin: Academia Verlag, S. 95-102
  • Okazaki, Teruyuki / Milograd V. Stricevic (1998): Modernes Karate – Das große Standardwerk München: Bassermann
  • Segui, Agustin (2004): Karate in Altperu, in: Campus – Magazin der Universität des Saarlandes. Ausgabe 3, Juli 2004
  • Wolfgang Decker, „Sport und Spiel im Alten Ägypten“, erschienen im  Verlag Beck, München 1987.

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